Wie wir wirklich etwas bewirken

Die Szene der Weltverbesserer wird immer größer. Gefühlt sprießen überall neues Engagement, soziales Unternehmertum und wirklich coole Eventreihen zum gesellschaftlichen Wandel aus dem Boden. Gleichzeitig sind Ergebnisse nicht immer auf den ersten Blick zu entdecken. Das macht mich oft gleichzeitig hoffnungsfroh und ratlos. Wie können wir wirklich etwas bewirken? Das ist die Frage für diesen Artikel. Mut zur Kritik und radikale Ehrlichkeit werden die Antworten sein.

Es geht nicht darum alles zu quantifizieren.

Eins gleich vorab, dieser Artikel ist kein Plädoyer dafür, alles in Zahlen zu fassen. Zahlen sind zwar sehr verlockend, weil vermeintlich objektiv. Gleichzeitig sind sie oft nur aufwändig zu erheben und haben nur eine eingeschränkte Aussagekraft. Natürlich klingt es gut, wenn sich die Newsletter Abonnenten im letzten Jahr verdoppelt haben – aber was bringt das? Mir ist bewusst, dass wir manchmal Zahlen brauchen um Investoren, Kooperationspartner, etc. von uns zu überzeugen. Für unseren Anspruch etwas zu bewirken brauchen wir etwas anderes.

Wer etwas bewirken will, muss nachdenklich bleiben.

Die große Herausforderung besteht darin, dass wir an zwei Baustellen gleichzeitig arbeiten. An einem gesellschaftlichen Problem, das wir helfen wollen zu lösen – und an unserem Projekt. Am Anfang steht der Wunsch etwas zu bewirken. Weil uns zum Beispiel die Flüchtlingskrise betroffen macht, weil wir auf eine Lösung gestoßen sind oder weil wir etwas besonders gut können. Sobald wir unsere Idee in eine Form „gießen“, also einen Verein oder ein Sozialunternehmen gründen, kommt eine zweite Ebene hinzu. Wir wollen, dass unser Vorhaben funktioniert. Wir wollen, dass der Verein wächst und das Sozialunternehmen profitabel arbeitet.

Liebe macht blind.

Wer sich voller Hingabe in etwas stürzt, egal ob das jetzt eine Gründung oder eine neue Beziehung ist, wünscht sich, dass das Projekt erfolgreich ist. Die meisten Projekte kosten viel Zeit und Energie. Keine Frau möchte gerne mit etwas scheitern, in das sie viel investiert hat. Kein Mann möchte das. Niemand möchte dem kritischen sozialen Umfeld sagen müssen, dass man sich geirrt hat. Niemand möchte falsche Entscheidungen für sein Leben treffen. Wir wollen, dass es funktioniert und sind deshalb manchmal blind.

Komplexe Probleme lassen sich nicht immer schnell lösen.

Zu unserer Liebe zum Projekt kommt der Erfolgsdruck der Leistungsgesellschaft. Es ist gar nicht so einfach sich in diesem Umfeld selbst die Erlaubnis zu geben auszuprobieren und Fehler zu machen. Aber genau das ist notwendig. Wenn gesellschaftliche Probleme einfach zu lösen wären, dann hätten wir sie nicht mehr. Die meisten Themen sind aber komplex. Es dauert, bis wir verstanden haben, was unsere Zielgruppe bewegt, wie das System mit dem wir arbeiten tickt, womit wir wirklich helfen können.

Wir sollten Ehrlichkeit und Mut zur Kritik kultivieren.

Es ist sehr verlockend, sich selbst Erfolg einzureden. Es ist sehr verlockend sich nur am eigenen Außenauftritt zu messen. Es ist sehr verlockend, Wachstum der eigenen Organisation mit Wirkung gleichzusetzen. Was wir brauchen sind Ehrlichkeit und Mut, unsere blinden Flecken zu entdecken. Dazu brauchen wir auch Partner, die wohlwollend Kritik aussprechen.

Manchmal stehen wir uns selbst im Weg.

Dambisa Moyo, eine bekannte Entwicklungshilfekritikerin, erzählt in einem Interview, dass niemand ihrer Kritik so hart und persönlich verletzend widersprochen hat, wie Mitarbeitende von Entwicklungshilfeorganisationen. Dabei hatten doch alle das gleiche Ziel, nämlich die Lebensbedingungen in „Entwicklungsländern“ zu verbessern. Trotzdem ging hier vermutlich der „Ego-Alarm“ an. Natürlich ist es menschlich, dass sich unser Ego manchmal gekränkt fühlt und zurückschlagen möchte. Vor allem, wenn wir viel aufgegeben haben, um unserer Mission zu folgen. Aber Wirkung erzielen wir nur, wenn wir bereit sind uns zu hinterfragen. Unser Projekt darf kein Selbstzweck werden. Langfristig ist das auch die einzige Möglichkeit, um unsere eigenen Motivation aufrecht zu erhalten.

Drei Ideen, was du konkret tun kannst.

  • Nimm dir die Zeit regelmäßig innezuhalten. Ehrlichkeit dir selbst und deinen Mitgründer*innen gegenüber braucht Zeit. Um tief in uns hineinzuhören brauchen wir Ruhe und Mut. Schaffe dir bewusst Moment, wo du hinterfragst, ob du/ ihr auf dem richtigen Weg seid. Was läuft schon gut? Was könnte besser sein? Was ist mehr Show als Wirkung?
  • Du kannst auch Momente des Zweifelns wunderbar nutzen. Schreibe alle Zweifel ehrlich und ungefiltert auf. Blicke dann mit einem realistischen Blick wieder darauf. Welche Zweifel sind berechtigt? Was bedeutet das für die nächste Zeit?
  • Suche dir kritische Kritiker. Wir bewegen uns alle am liebsten in unserer Filterblase aka Komfortzone. Suche dir ganz bewusst andere Kontexte, um von deinem Projekt zu erzählen. Lade andere explizit dazu ein, dir auch das Feedback zu geben, von dem sie nicht wissen, wie sie es wohlwollend formulieren sollen.

Erfolg entsteht aus guten Fragen, nicht aus schnellen Antworten.

Ich glaube, dass Erfolg (in unserem Fall die gewünschte gesellschaftliche Wirkung) nur entsteht, wenn wir radikal ehrlich sind. Wenn wir bereit sind auf der Suche zu bleiben, auch wenn wir uns einfache, endgültige Antworten wünschen. Es geht darum immer wieder über den Tellerrand zu schauen und unsere Geschichte neu zu erzählen. Es geht nicht darum sich von Zweifel und Unsicherheit vom Handeln abhalten zu lassen. Erfolg entsteht, wenn wir ausprobieren, Fehler machen, dazulernen. Erfolg entsteht, wenn wir uns bewusst unseren blinden Flecken stellen und Kritik aktiv einholen. Dieser Prozess kann manchmal auch etwas schmerzhaft sein. Aber er hilft uns langfristig motiviert zu bleiben und tatsächlich etwas zu bewirken.

Last but not least: Setze deine Ressourcen nachhaltig ein.

Langfristiger Erfolg und Offenheit für Kritik haben eine gemeinsame Voraussetzung: Du brauchst Energie dafür. Sei gut zu dir selbst, gönne dir Pausen und feiere auch kleine Erfolge. Wir können nur etwas bewirken, wenn es uns gut geht.

Danke, dass wir gemeinsam auf dem Weg sind!