Systemfehler. Ein Plädoyer für Überschaubarkeit

Wer einen Fehler macht, muss die Verantwortung dafür übernehmen. Das klingt erst einmal einfach und logisch. Trotzdem ist es oft nicht leicht diese Verantwortung auch zuzuordnen. Viele Strukturen, Geschäftsmodelle und Prozesse sind so komplex, dass sie niemand mehr überschauen kann. Dieser Artikel lädt dich dazu ein, diese Art des Wirtschaftens zu hinterfragen. Er ist ein Plädoyer für Überschaubarkeit.

Alle machen mit, aber keiner ist verantwortlich.

Das bekannteste Beispiel ist vermutlich unsere Kleidung, die wir online oder offline kaufen. Und die zuvor von Händler und Großhändler den Besitz gewechselt hat und davor irgendwo produziert wurde, von der Baumwolle bzw. dem Material mal abgesehen. Nach dem Einsturz der Fabrik in Bangladesch 2013 wurde sehr deutlich, wie weit verzweigt die Lieferketten sind. Und wie wenig Überblick die Beteiligten über die genauen Arbeitsbedingungen vor Ort haben (wollen).

Wir leben in einer vernetzten Welt.

Ähnlich wie die Textilbranche sind viele Branchen globale Netzwerke. Das hat natürlich auch Vorteile. Komplexe Produkte, wie Smartphones oder Röntgengeräte, wären vermutlich gar nicht möglich, wenn es nur Handwerksunternehmen gäbe, die von A bis Z alles selbst fertigen. Aber auch einfache Produkte vernetzen uns mit Menschen weltweit. Sehr eindrucksvoll, wenn auch recht düster, zeigt das der Film „Canned dreams“ für Dosenravioli. Es lohnt sich den Trailer anzuschauen.

Schon dein Frühstück hat hunderte Helfer.

Wenn man einmal anfängt darüber nachzudenken, wird einem bewusst, wie stark wir mit anderen Menschen vernetzt sind. Wenn du magst, nutze das nächste Essen, um dir bewusst zu machen, wer daran mitgewirkt hat. Vielleicht trinkst du morgens Kaffee, der gepflanzt, geerntet, weiterverarbeitet, verschifft, ausgeliefert, eingeräumt und verkauft wurde. Vielleicht isst du Brot oder Müsli, dass eine fast ebenso lange Prozesskette hinter sich hat. Wenn du aus dem Gedankenexperiment eine Achtsamkeitsübung machen möchtest, kannst du dich innerlich bei jedem Menschen bedanken, der an deinem Essen mitgewirkt hat.

Wie können wir global Verantwortung übernehmen?

Anders formuliert: Egal was wir kaufen, viele Produkte hinterlassen Spuren, die sich rund um den Globus ziehen. Als Konsument ist es nahezu unmöglich für jedes Produkt genau zu verstehen, wie es produziert wurde. Vor allem, wenn selbst die Hersteller nicht immer einen Überblick haben (wollen). Eigentlich steht kein Mensch morgens mit dem Wunsch auf, möglichst viel Schaden anzurichten. Durch die gewinnoptimierten Lieferketten, bemerken wir den Schaden aber oft nicht.

Gutes Wirtschaften basiert auf guten Beziehungen.

Es ist also vermutlich kein Zufall, dass viele nachhaltige Marken auf direkten Kontakt zu ihren Zulieferern setzen. Das bringt natürlich Wachstumsgrenzen mit sich. Beziehungen aufzubauen kostet Zeit. Und auch nachhaltige Marken müssen immer wieder ökonomisch, ökologische und soziale Interessen ausbalancieren. Sehr transparent beschreibt das zum Beispiel die Teefirma Stick & Lempke.

Gute Produkte sind oft teuer.

Ja. Das ist so. Früher habe ich morgens immer Orangensaft getrunken. Als ich als Studentin beschlossen habe, möglichst konsequent nachhaltig einzukaufen, war schnell klar, dass das nicht mehr drin ist. Das ist schade, aber ändert nicht wirklich viel an meiner Lebensqualität. Ich möchte die Preise zahlen, die ein Produkt wirklich kostet. Wenn ich es mir dann nicht leisten kann, dann ist das so.

Du kannst jederzeit anfangen.

Konsumentscheidungen sind persönliche Entscheidungen – mit globalen Auswirkungen. Deshalb entstehen wunderbarerweise immer mehr Bio-, Unverpackt-, und Fair-Fashion-Läden. Deshalb gibt es Webseiten, wie Utopia.de, die dir die Recherchearbeit abnehmen. Zu nahezu allen Produkten findest du dort die nachhaltige Alternative. Diese Produkte gibt es, weil sich Menschen entschieden haben, ihre Branche nachhaltiger zu gestalten. Was kannst du in deiner Branche bewegen?

Wir sind noch auf dem Weg.

Selbst wenn du dir vornimmst, ab sofort 100% nachhaltig zu leben, wird es dir vermutlich nicht gelingen. Das gleiche gilt für Unternehmen. 100% nachhaltig ist in den meisten Fällen schwierig. Das ist aber nicht schlimm. Nachhaltigkeit ist kein Ziel, was es einmalig zu erreichen gilt. Nachhaltigkeit ist ein Idealzustand, an dem wir uns immer wieder orientieren können. Es ist völlig ok, mit einem Aspekt anzufangen und dann nach und nach weiterzumachen. Im ersten Schritt ist es vielleicht „nur“ der Verzicht auf Plastik. Wenn du eine große Supermarktkette bist, ist damit schon viel gewonnen.

Wichtig ist, dass wir anfangen – und dranbleiben.