Mentale Infrastrukturen. Warum uns Veränderung so schwer fällt.

Mentale Infrastrukturen. Warum uns Veränderung so schwer fällt.

Spätestens seit die Fridays-for-Future Bewegung so stark ist, fragen sich immer mehr Menschen: Wie können wir den Klimawandel noch stoppen?

Auf der einen Seite gibt es die Hoffnung, dass „ein bisschen weniger Fleisch und Fliegen“ und „mehr ökologische Innovationen“ die Lösung sein könnten. Auf der anderen Seite ahnen viele von uns, dass das nicht reichen wird. Wahrscheinlicher ist, dass die Lösung einen grundsätzlichen Wandel in unserer Lebens-, Arbeits- und Wirtschaftsweise erfordert. Das klingt einfacher gesagt als getan. Schon bei den kleinen individuellen Verhaltensänderungen (Stichwort weniger fliegen) merken wir, dass es nicht so einfach ist, den eigenen Werten gerecht zu werden. Eigentlich wollen wir nicht mehr fliegen, aber wenn es nur alle zwei Jahre ist statt mehrfach im Jahr wie andere – dann ist das doch bestimmt ok? So handeln wir mit uns selbst Kompromisse aus.

Fehlt es uns an Disziplin?

Es wäre uns selbst gegenüber ungerecht, jetzt von Charakterschwäche zu sprechen. Was uns ausbremst, sind unsere mentalen Infrastrukturen. Diesen Begriff hat Harald Welzer geprägt. Er ist Sozialpsychologe und Professor für Transformationsdesign an der Uni Flensburg. Der Begriff mentale Infrastrukturen ist Teil seiner Wachstumskritik. Er beschreibt, wie unsere Werte, Wünsche und Lebenskonzepte durch das herrschende Wirtschaftsmodell geprägt sind.

Übrigens: Der Text, auf den ich mich nachfolgend beziehe, steht bei der Heinrich-Böll-Stiftung kostenfrei zum Download zur Verfügung.

Unsere Gesellschaft ist auf Wachstum ausgerichtet.

Werfen wir zunächst einen Blick auf die gesellschaftliche Ebene und das Problem, das Aufhänger für diesen Artikel ist. Der Klimawandel ist, so Harald Welzer, nicht das ursächliche Problem, sondern Symptom einer Wirtschaftsweise, die auf permanentes Wachstum setzt. Es geht immer darum, noch besser, schneller und weiter zu kommen. In der Theorie soll das beständige Wirtschaftswachstum zu sozialer Gerechtigkeit führen, indem es alle am Wohlstand beteiligt. In der Praxis ist fragwürdig, ob dieses Ziel bisher erreicht wurde, aber ziemlich sicher, dass das Wachstumsmodell aufgrund der biologischen Ressourcen unseres Planeten an seine Grenzen stößt. Wir halten trotzdem an dieser Art des Wirtschaftens fest, weil aktuell alle Infrastrukturen (Unternehmen, Gesetze, Bildungseinrichtungen) darauf ausgerichtet sind.

Wir alle sind auf Wachstum ausgerichtet.

Das Verrückte ist: In unserer Gesellschaft sind auch wir selbst als Individuen auf Wachstum ausgerichtet. Durch unsere mentalen Infrastrukturen. Wir müssen immer besser werden, uns selbst optimieren. Wir glauben daran, dass wir selbst unseres Glückes Schmied sind. Durch die Individualisierung von Lebensentwürfen haben wir selbst die Verantwortung für unsere Erfolge oder Misserfolge aufgebürdet bekommen. Früher war entscheidend, in welche Familie man geboren wurde. Heute lautet die Botschaft: Wer sich anstrengt, dem stehen alle Türen offen. Natürlich gibt es viele Studien, die zeigen, dass das nicht so ist, dass der familiäre Hintergrund den Lebensweg immer noch stark prägt. Aber das ist nicht die Geschichte, die wir uns als Gesellschaft erzählen. Die Geschichte lautet vielmehr: Werde immer besser, sonst bist du selbst schuld. Diese Geschichte ist für die meisten von uns fest im Kopf verankert und wir denken, handeln, leben dementsprechend. Ebendiese scheinbar unverrückbaren Annahmen nennt Welzer „mentale Infrastrukturen“.

Sage mir, was du kaufst und ich sage dir, wer du bist.

Das Paradoxe ist: Weder für die Wirtschaft noch für uns als Individuen gibt es jemals ein „gut genug“. Es gibt keinen Zielzustand, den es zu erreichen gilt. Vielmehr befinden wir uns in einer permanenten Verbesserungsschleife: Job, Fitness, Partnerschaft, Urlaube, alles muss ständig weiter optimiert werden. Das Problem dabei ist, dass wir uns die Chance nehmen innerlich anzukommen. Wir finden keine Antwort auf die Frage, wer wir sind. Unsere Identität ist instabil und muss ständig durch äußere Symbole bestätigt werden. Viele Produkte kaufen wir nicht, weil wir sie wirklich zum Überleben brauchen, sondern weil sie uns ein Stück Identität geben. Absurderweise, ist es gar nicht so wichtig, ob wir sie nutzen. Allzu häufig denken wir in Stereotypen und Symboliken: Wer sich einen VW Bus kauft, ist ein freiheitsliebender Typ. Selbst wenn er (oder sie) damit nur morgens ins Büro pendelt. So werden unsere mentalen Infrastrukturen immer stärker gefestigt.

Wie können wir unsere mentalen Infrastrukturen verändern?

Das Fatale an den mentalen Infrastrukturen ist, dass sie uns größtenteils nicht bewusst sind. Wir halten es für natürlich, dass es eine Karriereleiter gibt, die jede*r weiter nach oben klettern will. Selbst, wenn wir uns die eigenen mentalen Infrastrukturen bewusst machen, können wir sie nicht sofort auflösen. Viele meiner Coachingklient*innen hinterfragen z.B. ihre bisherige Definition von beruflichem Erfolg.

Anstelle von höher, schneller, weiter, wollen sie eine Karriere mit Sinn. Trotzdem stoßen sie immer wieder an verinnerlichte Erwartungen – und Erwartungen ihres Umfelds. Was hilft? Ausprobieren. Dinge anders machen. Mit Menschen sprechen, die sich für andere Lebens- und Arbeitsmodelle entschieden haben. Und dann deine ganz eigenen Vorstellungen eines guten Lebens entwickeln.

Wie willst du gelebt haben?

Harald Welzer schlägt als Lösungsstrategie vor, von der Zukunft her zu denken. Wie willst du gelebt haben? Was willst du deinen Enkelkindern über dein Leben berichten können? Wer willst du am Ende deines Lebens gewesen sein?

Passend dazu gibt es auch die Futurzwei Stiftung, deren Newsletter sehr lesenswert ist: https://futurzwei.org/flaschenpost.

Fazit

Veränderung kann im Kopf anfangen, aber sie wird erst wirksam, wenn dem Faktenwissen (oh oh, Erderwärmung) eine Handlung folgt. Mentale Infrastrukturen lassen sich nicht durch Diskutieren aushebeln, sondern durch Anders-machen, Anderes vorleben, andere Geschichten erzählen. Ganz konkret, wenn du Freunde überzeugen möchtest, weniger zu konsumieren, bringt es wenig sie mit Fakten zu überschütten. Sehr viel wirksamer ist es, sie zu einer Kleidertauschparty einzuladen oder gemeinsam zu kochen statt essen zu gehen.

Du kommst alleine nicht voran?
Im Coaching wirst du dir deiner Stärken wieder bewusst, gewinnst neue Klarheit und fühlst dich ermutigt, deinen Weg voller Tatendrang zu gehen.

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